
Spätestens seit dem 2. Jh. n. Chr. wird mit den Runen ein eigenständiges Schriftsystem der Menschen nördlich der Alpen greifbar. Nur wenige Schriftsysteme sind jedoch mit einer ähnlichen Aura des Geheimnisvollen umgeben wie die Runen. Dies mag auch darauf zurückzuführen sein, dass der Begriff "Rune" selbst auf "Geheimnis" zurückgeht (got. runa "Geheimnis, Beschluss", ahd. runa "Geheimnis, Geflüster" (zu urgerm. *runo), und in altnordischen Texten niemand geringerem als dem Gott Óðinn selbst ihre Entdeckung durch ein schmerzhaftes Selbstopfer zugeschrieben wird.
Über den Ursprung der Runenschrift sowie die Funktion der ältesten bekannten Inschriften wird unter Forschenden bis heute leidenschaftlich debattiert; dies steht in deutlichem Kontrast zur gegenwärtigen Popularität und der allgemeinen Sichtbarkeit von Runen und runenähnlichen Zeichen, sei es in Form von Tätowierungen, Schmuckstücken, als Inhalt esoterischer Abhandlungen und Praktiken oder auch als politische Symbole.
Diese Vorlesung setzt sich zum Ziel, eine gründliche Einführung in die Runenkunde zu leisten, und Zuhörende sowohl mit den verschiedenen Thesen zum Ursprung der Runen, den unterschiedlichen Runenreihen, als auch einer möglichst breiten Auswahl an Inschriftentypen und -trägern vertraut zu machen. Auch das Transliterieren und Transkribieren ausgewählter Runeninschriften wird eingeübt. Kenntnisse des Altnordischen sind von Vorteil, werden jedoch nicht vorausgesetz